Meine Begegnung mit Albert Schweitzer
Als ich 11 Jahre alt war, gab Albert Schweitzer in
Basel ein Orgelkonzert. Mein Vater nahm
mich dazu mit. Er hatte immer für Lambarene Geld gespendet und von Albert
Schweitzer war in meinem Elternhaus viel die Rede.
Nach dem Konzert stellte mein Vater mich dem
verehrten Mann vor. Es bleibt mir unvergesslich, mit welcher großen Güte
Albert Schweitzer den 11-jährigen Buben behandelte.
Ich sagte ihm, ich wolle einmal für die Indianer
etwas Ähnliches aufbauen, wie er es in Lambarene für die Schwarzen tun würde.
"Tu das", sagte er. "Und wenn Du willst, kommst Du dann zu
mir nach Lambarene in die Lehre". Hochbeglückt kehrte ich nach Hause
zurück.
Hin und wieder ging ein Brief von mir nach Lambarene,
und immer kamen von dort einige Antwortzeilen zurück.
Der zweite Weltkrieg unterbrach den Briefverkehr;
aber kurz danach wurde er wieder aufgenommen.
Mitte der 50er Jahre besuchten meine Frau und ich
Schweitzer in seinem Haus in Günsbach im Elsass. Wir hatten bereits
konkrete Pläne für ein Urwaldhospital im peruanischen Amazonasgebiet
ausgearbeitet und baten Schweitzer, diesem seinen Namen geben zu dürfen.
Gerne sagte er zu, wünschte aber, wir sollten einige Zeit bei ihm in
Lambarene verbringen. Die Reise werde er uns zahlen.
Schließlich lud er uns zu einem kleinen Spaziergang
ein und ging mit uns in die Günsbacher Kirche, deren Orgel er restauriert
hatte.
Wir gingen gemeinsam auf die Empore. Schweitzer
setzte sich auf die Orgelbank und spielte eine gute Stunde lang Werke von
Bach und Widor. Inzwischen hatte sich die Kirche gefüllt mit Menschen,
die Schweitzer sehen und hören wollten. Nie wies er jemanden zurück.
Als wir auf der Empore Abschied von ihm nahmen,
bemerkte er: "Gespielt habe ich heute nur für Euch" und machte
uns damit diese Feierstunde zu einem doppelten Geschenk.

Foto: Lange philosophische Gespräche führte Theodor
Binder in Lambarene mit seinem großen Vorbild und Freund Albert
Schweitzer.
Nicht sehr viel später fand die Reise nach Lambarene
statt. Sie war für uns sehr interessant und lehrreich; nur hatte
Schweitzer viel zu wenig Zeit für Gespräche - ja, er mied sie sogar,
denn er gab zwischen uns eine Reihe von Meinungsverschiedenheiten vor
allem philosophischer Natur und meine Insistenz, von ihm konkrete und
eindeutige Antworten auf bestimmte Fragen zu erhalten, war ihm nicht sehr
angenehm; aber ich habe ihm keine Antwort geschenkt und bin froh darüber.
Ich habe dadurch Aufschlüsse über sein
philosophisches Denken erhalten, über die keines seiner Bücher Auskunft
gibt.
Im Jahre 1960, am Schweitzers 85. Geburtstag, wurde
das "Amazonashospital Albert Schweitzer" feierlich eröffnet.
Viele Gäste von nah und fern -
Freunde und Diplomaten aus Lima und Europa sowie ein Kriegsschiff der
peruanischen Flotte mit dem kommandierenden Admiral aus Iquitos waren
gekommen. Und natürlich waren auch die Indianer und die Armen aus
Pucallpa, für die das Hospital errichtet wurde, zahlreich gekommen.
In der Folge haben wir Albert Schweitzer noch ein paar Mal
gesehen, wenn wir zusammen in Europa waren.
Beim letzten Mal - es war wieder in Günsbach -
brachte er zwei Bücher mit, von denen ich mir eines aussuchen durfte. Es
waren seine Werke "Die Mystik des Apostel Paulus" und "J.S.
Bach".
Als ich vorsichtig fragte: "Wenn ich darf
.....?"; aber hier unterbrach er mich schon und sagte auf seiner
typisch elsässisch derben Art: "Deshalb frage ich Dich ja!"
Natürlich wählte ich - selber Organist und großer
Bach-Verehrer - dann den Band über Bach.
Als wir später einmal im Amazonashospital in Geldnöten
waren, unterstützte uns
Schweitzer sehr großzügig.
Die Freundschaft mit dem verehrten und geliebten
Vorbild und Menschen währte bis zu seinem Tod im September 1965.
Der Freund lebt aber in unserer Liebe weiter und wird
erst bei unserem eigenen Tod einmal enden.